„Schlägerei macht kein Fest besser“

Münster - Das Zuverlässigste am Fortschritt ist seine Vergesslichkeit. Davon ahnt der Fortschritt eben nichts, egal, wie alt er aussieht. Auf dem Dorf liegen die Dinge anders. Dem Dörfler schwant der Fortschritt zwischen Heilsversprechen und Teufelswerk. Jedenfalls früher – oder wie beim Double Feature „Vor dem Fest: Gegen die Welt“ auf Burg Hülshoff, seit ein paar Monaten zum „Center for Literature“ gekrönt.

Sonntag, 28.10.2018, 17:42 Uhr

Im Wüstensand der ehemaligen Stallungen las Jan Brandt aus seinem Roman. Im Gewölbekeller sang der münsterische Chor „Die Untertanen“ unter Leitung von Rüdiger Schrade-Tönißen (kl. Bild l.). Foto: Lennart Lofink

Münster - Das Zuverlässigste am Fortschritt ist seine Vergesslichkeit. Davon ahnt der Fortschritt eben nichts, egal, wie alt er aussieht. Auf dem Dorf liegen die Dinge anders. Dem Dörfler schwant der Fortschritt zwischen Heilsversprechen und Teufelswerk. Jedenfalls früher – oder wie beim Double Feature „Vor dem Fest: Gegen die Welt“ auf Burg Hülshoff, seit ein paar Monaten zum „Center for Literature“ gekrönt.

Das Zuverlässigste am Fortschritt ist seine Vergesslichkeit. Davon ahnt der Fortschritt eben nichts, egal, wie alt er aussieht. Auf dem Dorf liegen die Dinge anders. Dem Dörfler schwant der Fortschritt zwischen Heilsversprechen und Teufelswerk. Jedenfalls früher – oder wie beim Double Feature „Vor dem Fest: Gegen die Welt“ auf Burg Hülshoff, seit ein paar Monaten zum „Center for Literature“ gekrönt. Da verwickelten die Schriftsteller Jan Brandt (Jahrgang 1974) und Saša Staniši? (Jahrgang 1978) ihre Dörfer-Bücher Jericho und Fürstenfelde in postmoderne Plot-Polyphonie, der durch Performance als „begehbare Versionen“ erwandert und so fürs Publikum erlebbar werden sollte.

Im Wüstensand der ehemaligen Stallungen hockte Brandt im Parka und mit Grubenlampe an der Kapuze, um aus seinem Roman „Gegen die Welt“ zu lesen, von drei Bildschirmen umzäunt, die sprunghaften Szenen mit Bildern beisprangen: „Heiße Luft“ liegt über dem Dorfe, mäandert ein „Kind der Minuswelt“ inmitten von Vogelgezwitscher und planem Elektrosound, entfaltet sich die Geschichte einer changierenden Grenzüberschreitung zwischen Aliens und Nazis, Ufos und Kornkreisen. Aufs Stichwort „Herzschlag“ hämmerte der Bass aus den Boxen wie der Herzschlag eines Dinosauriers, Kirchenglocken schallten wie zum Jüngsten Gericht, breite, zitternde Streifen auf den Bildschirmen suggerierten – vielleicht – Bildstörungen des Bewusstseins.

Die Tonspur synchronisierte die Bilder, den gelesenen Text, verharrten Leinwände unisono in schierer Blindheit. Irgendwie steht das Dorf gegen den Jungen, der sich imaginäre Paradiese kreiert, aber kollektiven Zwängen ausgeliefert scheint. Durch ständige Positionswechsel schien Brandt dieser herumirrende Junge zu sein, der sich in souveräner Ziellosigkeit seine Identität jenseits horribler Dorf-Riten zu erretten versucht.

Vom kalten Stall in die warme Stube: Da saß man in der zweiten Hälfte im alten Gewölbekeller; hier präsentierte sich Saša Staniši?s dem an deftigen Tischen sitzenden Publikum vor Suppe und Bier. Staniši?s war swingender Rezitator seines Romans „Vor dem Fest“; der münsterische Chor „Die Untertanen“ sang in der Rolle des Dorfchores Mittelalterliches. Festivitäten führen hier ins Jahrhundertarchiv eines Dorfes, dessen Details von Scheiterhaufen („Wer darf vorne sitzen?“) bis DDR-Historie reichen. Ein Hauch „Blauer Bock“, mal lyrische Dichte, mal „comedy-literature“, mal Leitz-Ordner, virtuoses „literature“-Puzzle über Legenden und Dorftratsch, Sonderlinge und Kuriositäten, (Vor-)Lesen als Ursonate zwischen Theatralik und Spektakel. Mittendrin im Public-Space-Hype ein schöner Satz: „Eine Schlägerei macht kein Fest besser, es sei denn, sie rettet es.“ Herzlicher Beifall.