Emotionale Gedenkstunde für die Opfer des Holocausts

Gladbeck. Gedenkstunde zum 72. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Dietrich-Bonhoeffer-Haus ging den Besuchern unter die Haut.

Die Schüler vom Heisenberg Gymnasium hatten sich intensiv mit dem Schicksal der Menschen im Konzentrationslager beschäftigt. Foto: Heinrich Jung

Es war der kürzlich verstorbene ehemalige Bundespräsident Roman Herzog, der den 27. Januar im Jahr 1996 zum Holocaustgedenktag erklärte. An diesem Tag vor 72 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, in dem sich noch etwa 7000 Häftlinge befanden.

Das Erinnern an den Naziterror gehört zur Gedenkkultur der Bundesrepublik, und in Gladbeck ist dieser Tag inzwischen ein fester Termin im Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Wieder hatte das Gladbecker Bündnis für Courage eingeladen. „Es ist eine gute Tradition, dass sich die Schülerinnen und Schüler des Heisenberggymnasiums an dieser Gedenkfeier beteiligen“, sagte Geschichtslehrerin Dr. Carmen Giese, die mit ihren Schülern einen Beitrag vorbereitet hatte, der den rund 150 Besuchern unter die Haut gehen sollte.

Schweigen hilft niemandem

Zuvor hatten Organisator Roger Kreft und Bürgermeister Ulrich Roland die Besucher begrüßt. „Auschwitz gilt als Synonym für den Vernichtungswillen des Nationalsozialismus. Sein Schatten reicht über Jahrzehnte hinweg“, sagte Kreft. Roland stellte seine kurze Ansprache unter den Satz des Nobelpreisträgers Elie Wiesel: „Man muss immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.“

Sieben Schüler der Oberstufe hatten sich über Wochen mit zwei Fotografien beschäftigt, die am Tag der Befreiung gemacht wurden. Die eine zeigt eine Gruppe von Kindern in Häftlingskleidung im Schnee, die andere einen völlig abgemagerten Jungen, der von einem Soldaten der Roten Armee getragen wird. Dazu hatten sie sich eigene Texte überlegt, um die Gefühle der Abgebildeten in Worte zu fassen und das schier Unaussprechliche auszusprechen.

Die Sicht der Opfer macht das Grauen erst begreifbar

„Wenn man nur objektiv an das Thema herangeht, wie das meistens im Unterricht passiert, dann kann man das Schreckliche überhaupt nicht richtig nachempfinden“, sagt Julian (18) und Jasmin (20) ergänzt: „Die Beschäftigung mit den Fotos hat mich sehr verstört.“

„Ich habe das Grauen begreifen können“, sagt Melina (18). Für sie alle – so die einhellige Meinung – hat sich durch die emotionale Auseinandersetzung mit dem Holocaust aus Sicht der Opfer vieles verändert. Jetzt würden sie rassistische Äußerungen, zum Beispiel in der Schule, nicht einfach so stehen lassen.

“Die Untertanen“ sangen politische Lieder. Foto: Heinrich Jung

 

Den Bogen von Auschwitz zum allgemeinen Thema Flucht und Heimatlosigkeit zu schlagen, hat sich der großartige gemischte Chor „Die Untertanen“ aus Münster unter der Leitung von Rüdiger Schrade-Tönnißen zur Aufgabe gemacht. Er präsentierte in seinem Programm „Wohin?“ Chorsätze und Arrangements bekannter Texte von Kurt Weill bis Konstantin Wecker, vielsprachig von Deutschland bis Südafrika, von Ungarn bis Israel und durch die Jahrhunderte.

Würdige Gedenkveranstaltung ließ niemanden kalt

Das Grauen, die Hoffnung und das Leid – sie alle wurden besungen vor dem Hintergrund der Kernfrage: „Wohin geht ein Mensch, der nicht weiß, wo er hingehen soll?“

Texte aus dem Roman „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers, der die Flucht von KZ-Häftlingen zum Thema macht, wurden eingestreut und komplettierten in professioneller Qualität eine würdige Gedenkveranstaltung, die niemanden kalt lassen konnte, der dabei war.